Studienfahrt Danzig-Masuren-Posen

Eine Reise in die Vergangenheit - oder in eine neue Zeit

44 Senioren der Siemens-Zweigniederlassung Dortmund unternahmen eine Studienreise in das nördliche Polen. Sie wollten Land und Leute des östlichen Nachbarn und des künftigen EU-Partners kennenlernen und die politischen und wirtschaftlichen Aspekte erfahren.


Diese Siemens-Pensionäre nahmen an der Studienfahrt Danzig-Masuren-Posen teil.

Mit gemischten Gefühlen haben einige Teilnehmer die Eindrücke dieser Reise aufgenommen. Sahen sie doch die alte Heimat nach vielen Jahren wieder. Es kamen rege Erinnerungen aus den Tagen des 2. Weltkrieges und danach. Sie waren Soldat, im Arbeitsdienst oder in der Kinderlandverschickung. Wenig hatte sich verändert, einiges wurde wiedererkannt.
Und dann die Erwartung: Wie ist es heute?

Uns ist aufgefallen, wie sich die einzelnen Regionen doch unterschiedlich entwickelt haben. Es ist noch wenig persönliche Initiative zur Pflege und Restaurierung der Bauten entwickelt.
Die Behörden bieten dazu auch keine Anreize.
Ebenso hat sich das Umweltbewusstsein noch wenig an den westlichen Standard angepasst.
Die Kirchen unternehmen viel, um die Gotteshäuser zu erhalten. Alles geschieht mit eigenen Mitteln und durch Spenden, weil keine staatliche Kirchensteuer erhoben wird.

Trostlos sah es in der Gegend um Stettin aus - im Grenzgebiet. Je weiter wir nach Osten fuhren, um so so >kultivierter< wurde die Landschaft. Riesige Getreidefelder in Pommern, gepflegte Dörfer, viele Störche - zweimal mit Sturzangriff auf unseren Bus. Die verarmte, ausgestorbene Landwirtschaft in Masuren überraschte uns. Dagegen erfreulich zu sehen die vielfältige Landwirtschaft im Ermland und im Kulmer Land.
Intensive Industrie gibt es rund um Posen.

Wir sahen - trotz der Pflanzenvielfalt - verkarstete Felder, verfallene Gehöfte und große Stallungen. Der Grund ist, dass es nach der Wende keine Subventionen mehr gibt. Die Bauern haben keine Chance gegen die Preise aus dem Westen. Polen importiert inzwischen Fleisch und Agrarprodukte billiger, und in der ehemaligen Kornkammer Europas arbeitet noch kaum jemand in der Landwirtschaft. Der Arbeitsaufwand und die Kosten übertreffen den Ertrag. Früher gab es LPG´s, heute gibt es kaum Genossenschaften. Der Anbau von Raps - als neue Chance für die Ölproduktion - besteht erst seit etwa 10 Jahren.

Es leben überwiegend alte Leute hier. Sie erhalten eine Rente und decken landwirtschaftlich nur noch den Eigenbedarf. Die jungen Leute sind in die großen Städte gezogen.

Die Stadtführung in Stettin zeigte, dass die Verwaltung noch viel tun muss, um den Tourismus anzulocken. Dann ging die Reise nach Danzig.
Über Danzig kann man nur positiv berichten. Enorm, mit wie viel Liebe zum Detail man die in den letzten Kriegstagen ausgebrannte Innenstadt wieder ursprünglich aufgebaut hat.

Der Besuch des altbekannten Seebades Sopot und das Orgelkonzert in dem ehemaligen Zisterzienser-Kloster und heutiger Bischofskirche in Oliva ließ uns den Ruhm früherer Tage spüren.
Imposant ist die Marienburg mit der Baukunst des mittelalterlichen Ritterordens.

Höhepunkt der Reise war sicherlich die Schifffahrt über die Rollberge zu unserem Standquartier für 5 Tage in Nikolaiken an den masurischen Seen. Mit fünf Hebungen werden ca. 100m Höhenunterschied bewältigt - und das mit einer hydraulischen Technik von 1880.
Von hier aus haben wir drei Ausflüge mit dem Schiff - exklusiv für uns gebucht - gemacht. Natur pur - fast unberührte Landschaft - keine bebauten Ufer - Wälder bis an das Wasser heran und erstaunlicherweise keine Mücken. Ein wahnsinnig-ideales Segelrevier. Auf den ehemaligen landwirtschaftlichen Feldern hat sich die Natur mit Heide und Mischwald ihren Anspruch wieder zurück geholt. Leider zeigt der Tourismus, trotz aller Sorgfalt, erste Spuren. Es fahren bereits Sportboote auf den Gewässern.

Beeindruckt waren wir von dem Besuch der Wolfsschanze - im 2. Weltkrieg das ehemalige Führerhauptquartier. Man kann dazu stehen wie man will. Tatsache ist, dass es historischer Boden ist und dass hier ein Attentatsversuch misslang.

Die bekannteste Wallfahrtskirche im nördlichen Polen - Heiligelinde - imponierte durch die herrliche Orgel und die Darbietung eines hervorragenden Konzertes.

Nach dieser 8-tägigen Reise (insgesamt 3.100 km) waren manche Vorurteile widerlegt.

Wir haben ein weitbesiedeltes Land mit schöner, abwechslungsreicher und fast unberührter Natur gesehen. Es muss aber auch festgestellt werden, dass der Abschied von der Planwirtschaft und die Herausforderung des eigenen Entscheidens den Menschen noch viele Probleme bereitet. Es muss noch viel getan werden, um fast 12 Jahre nach der Wende den Anschluss an den Westen zu gewinnen.

Die Öffnung für die EU ist erkennbar. Hervorzuheben ist die Gastfreundschaft, besonders der jüngeren Generation, uns Deutschen gegenüber. Leider gibt es noch Sprachprobleme im täglichen Umgang in Geschäften und Restaurants. Erstaunlich auch die objektiven Berichte und Darstellungen der örtlichen Reisebegleiter.

Die Teilnehmer waren sich einig, nun auch den Süden von Polen in den nächsten Jahren zu bereisen.

Friedhelm Schmitt

 

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